Forschung

Die Donau im System der strategischen Resilienz der Ukraine. Von der Kriegslogistik zu einem neuen Modell regionaler Integration

Der großangelegte Krieg zeigt nicht nur den Bedarf an technologischer Anpassung des Staates, sondern auch die Notwendigkeit, eingefahrene Ansätze in Geopolitik, Verkehrsplanung, grenzüberschreitender Zusammenarbeit und Wirtschaftssicherheit zu überdenken.

Autor: Vitalii Barvinenko, Doktor der Rechtswissenschaften, Direktor des Instituts für Donauforschung

Der großangelegte russisch-ukrainische Krieg zeigt immer deutlicher nicht nur die Notwendigkeit, dass sich der Staat technologisch an neue Methoden der Kriegführung anpasst, sondern auch die Notwendigkeit, eine erhebliche Zahl eingefahrener Ansätze in Geopolitik, Verkehrsplanung, grenzüberschreitender Zusammenarbeit und Wirtschaftssicherheit zu überdenken. Während die Ukraine im militärisch-technologischen Bereich in den vergangenen Jahren die Fähigkeit bewiesen hat, verhältnismäßig rasch neue Lösungen zu entwickeln, Organisationsmodelle umzubauen und auf den veränderten Charakter des Krieges zu reagieren, werden in der Regionalpolitik und der internationalen Logistik weiterhin in großem Umfang institutionelle Ansätze angewandt, die unter grundlegend anderen Sicherheitsbedingungen entstanden sind.

Das betrifft besonders die Donau, deren Rolle sich seit 2022 wesentlich verändert hat. Vor Beginn der großangelegten Invasion galt der ukrainische Abschnitt des Donau-Verkehrssystems in der Regel als wichtiger, aber ergänzender Bestandteil der nationalen Hafen- und Exportinfrastruktur. Nach der Unterbrechung eines erheblichen Teils der Schwarzmeerverbindungen wurden die Häfen Ismajil, Reni und Ust-Dunajsk, der Sulina-Kanal, die rumänische Hafen- und Eisenbahninfrastruktur, der Transit durch die Republik Moldau sowie die Straßengrenzübergänge im Südwesten der Ukraine zu Elementen eines weit umfassenderen Systems wirtschaftlicher Resilienz.

Dieser Wandel erfordert eine entsprechende Verschiebung des strategischen Denkens. Die Donau ist nicht bloß als alternative Exportroute zu betrachten, die bei eingeschränkter Schwarzmeerschifffahrt genutzt wird, sondern als dauerhafter strategischer Verkehrskorridor, um den herum eine neue Ebene ukrainisch-rumänischer, ukrainisch-moldauischer und weiter gefasster europäischer Integration entstehen kann.

Die historische Erfahrung der Europäischen Donaukommission

Aus dieser Perspektive gewinnt die Geschichte der Europäischen Donaukommission, die durch den Pariser Vertrag von 1856 errichtet wurde, besondere Bedeutung. Sie kann als eines der frühesten europäischen Experimente funktionaler internationaler Integration gelten, bei dem Staaten übereinkamen, einen gemeinsamen Mechanismus zur Verwaltung einer Infrastruktur zu schaffen, deren ordnungsgemäßes Funktionieren den Interessen aller beteiligten Länder diente.

Mitte des 19. Jahrhunderts war das Schifffahrtsregime an der unteren Donau eng mit der Rivalität der europäischen Großmächte verbunden. Die Probleme der Schifffahrt waren zugleich politischer und technischer Natur: Die Mündungen versandeten, der Zustand der Fahrrinne begrenzte die Tonnage der Schiffe, und eine ineffiziente Verwaltung schuf erhebliche Hindernisse für den Handel.

Der Pariser Vertrag von 1856 sah die Einsetzung einer Kommission aus Vertretern von sieben Staaten vor — Frankreich, Österreich, Großbritannien, Preußen, Russland, Sardinien und das Osmanische Reich. Ihre Aufgabe war es, zwischen Isaccea und dem Schwarzen Meer die notwendigen Arbeiten zur Verbesserung der Schifffahrtsbedingungen auszuführen. Von grundlegender Bedeutung war die Bestimmung, wonach die Kosten dieser Arbeiten durch besondere Abgaben gedeckt werden konnten, deren Höhe die Kommission mit Mehrheit festzulegen vermochte. Der Pariser Vertrag schuf damit die rechtliche Grundlage für einen solchen Mechanismus.

Mit der Zeit erlangte die Europäische Donaukommission schrittweise ein beträchtliches Maß an administrativer und finanzieller Eigenständigkeit. Untersuchungen ihrer Tätigkeit zeigen, dass die finanzielle Unabhängigkeit zu den Faktoren gehörte, die es ihr erlaubten, sich von der Abhängigkeit unregelmäßiger zwischenstaatlicher Finanzierung zu lösen und wasserbauliche Arbeiten sowie die Unterhaltung der Schifffahrtsinfrastruktur planbarer auszuführen.

Diese Erfahrung ist für heutige Integrationsprozesse wissenschaftlich bedeutsam, nicht weil das Modell des 19. Jahrhunderts mechanisch wiederhergestellt werden könnte oder sollte, sondern wegen des ihm zugrunde liegenden Prinzips. Wo Infrastruktur grenzüberschreitenden Charakter hat und die Wirksamkeit ihres Betriebs von abgestimmtem Handeln mehrerer Staaten abhängt, reichen herkömmliche Formen diplomatischer Konsultation häufig nicht aus. Es entsteht daher der Bedarf nach einer ständigen Einrichtung mit klar umrissenen Zuständigkeiten, Entscheidungsverfahren und finanziellen Mitteln zur Umsetzung dieser Entscheidungen.

Die spätere europäische Integration entwickelte sich in wesentlichen Zügen nach einer ähnlichen funktionalen Logik. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl etwa wurde ebenfalls um einen bestimmten Sektor wirtschaftlicher Verflechtung herum aufgebaut, in dem die Staaten übernationale Steuerungsmechanismen vereinbarten.

Die heutige Donaukommission, errichtet durch das am 18. August 1948 in Belgrad unterzeichnete Übereinkommen über die Regelung der Schifffahrt auf der Donau, hat eine andere rechtliche und politische Natur. Ihre Tätigkeit gründet auf den Interessen und souveränen Rechten der Donaustaaten, ihr Hauptziel bleibt die Erhaltung und Entwicklung der freien Schifffahrt. Zugleich sieht das Übereinkommen selbst vor, dass ein erheblicher Teil der Beschlüsse mit Mehrheit gefasst und ein Haushalt der Kommission festgelegt wird.

Bemerkenswert ist, dass die Donaukommission unter den Bedingungen des gegenwärtigen Krieges selbst unmittelbar auf neue Sicherheitsherausforderungen reagieren musste. So richtete sie ein Register der Schäden im Gebiet der unteren Donau ein, die durch russische Militärhandlungen verursacht wurden, um geprüfte Angaben über Angriffe zu erfassen, die die freie und sichere Schifffahrt behindern.

Die Frage lautet daher nicht mehr, ob die Sicherheit der unteren Donau eine internationale Dimension hat, sondern ob die vorhandenen Koordinierungsmechanismen dem Ausmaß der entstehenden Bedrohungen gewachsen sind.

Strategische Entscheidungen im Krieg und die Verkehrsgeografie der Ukraine

Um die heutige Rolle der Donau zu verstehen, ist es sinnvoll, die russische Strategie nicht allein durch die Brille einzelner Militäroperationen zu betrachten, sondern als Abfolge von Entscheidungen, die auf dauerhafte Veränderungen der politischen, wirtschaftlichen und territorialen Existenzbedingungen der Ukraine zielen.

In diesem Zugang kann eine Entscheidung als strategisch gelten, wenn ihre Folgen nicht auf eine bestimmte Phase der Kampfhandlungen beschränkt bleiben, sondern einen neuen systemischen Zustand schaffen, dessen Rückführung auf den früheren Status quo erhebliche Mittel und Zeit erfordern würde.

2022 verkündete Russland die völkerrechtswidrige Annexion von vier teilweise besetzten ukrainischen Gebieten und nahm die entsprechenden Gebietsansprüche in sein innerstaatliches Recht auf. Eine weitere Entscheidung von strategischer Tragweite war die Ausrufung der Mobilmachung im September 2022, die faktisch den Übergang des russischen Staates zu einem auf längere Dauer angelegten Modell militärischer Konfrontation markierte.

Die nächste Dimension war der systematische Beschuss ziviler und kritischer Infrastruktur der Ukraine, darunter Energieanlagen, Häfen, Getreideterminals, Lagerkomplexe, Eisenbahnknoten und weitere Elemente, die unmittelbar mit dem Funktionieren der Wirtschaft verbunden sind.

In der gegenwärtigen Phase kommt dazu ein immer deutlicherer Versuch, auf die Verkehrsgeografie der Ukraine selbst einzuwirken, indem die Risiken der Nutzung der internationalen See-, Fluss- und Landverbindungen systematisch erhöht werden.

In diesem Zusammenhang bedarf der Begriff des Binnenstaates einer Klarstellung. Die Ukraine ist weder geografisch noch völkerrechtlich als Staat ohne Zugang zum Meer einzuordnen. Im vorliegenden Fall lässt sich jedoch von dem Versuch sprechen, Bedingungen funktionaler Verkehrsisolation zu schaffen, in denen der formale Zugang zum Schwarzen Meer und zur Donau erhalten bleibt, ihre systematische kommerzielle Nutzung aber durch militärische Risiken, beschädigte Infrastruktur, höhere Versicherungskosten, Mangel an verfügbarer Tonnage und instabile Logistikketten wesentlich erschwert wird.

In diesem Sinne sind Angriffe auf Hafen- und Grenzinfrastruktur nicht ausschließlich als isolierte militärische Episoden zu betrachten, sondern als Faktoren, die die Wirtschaftsgeografie des Staates langfristig beeinflussen können.

Grenzinfrastruktur als eigener Gegenstand systemischen Risikos: Chronologie 2023–2026

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Angriffe auf die Grenzinfrastruktur im ukrainischen Donauraum. Die Chronologie der vergangenen Jahre zeigt, dass es sich nicht um vereinzelte Beschädigungen einzelner Grenzübergänge handelte, sondern um wiederholte Angriffe auf Anlagen, die unmittelbare Verbindungen zwischen der Ukraine, Rumänien und der Republik Moldau sicherstellen.

Am 26. September 2023 verursachte ein nächtlicher Angriff mit Kampfdrohnen erhebliche Schäden an der Infrastruktur im Bereich der Fährverbindung Orliwka–Isaccea an der rumänischen Grenze. Nach den damals veröffentlichten Angaben wurden das Gebäude des Grenzübergangs, die Lagerinfrastruktur und rund dreißig Lastkraftwagen beschädigt; sechs Lkw brannten aus, zwei Fahrer wurden verletzt. Die Abfertigung in Orliwka wurde vorübergehend ausgesetzt, der Verkehr über Reni umgeleitet. Am Abend des 26. September nahm der Übergang seinen Betrieb wieder auf.

Wichtig ist, dass der Angriff eine grenzüberschreitende operative Wirkung hatte. Auch die rumänische Seite schränkte den Verkehr über Isaccea zeitweilig ein, und der Schlag erfolgte unmittelbar gegenüber dem Gebiet eines Mitgliedstaates der Europäischen Union und der NATO. Bereits 2023 wurde damit deutlich, dass die Sicherheitslage rund um die ukrainischen Anlagen an der Donau das Funktionieren des Verkehrssystems eines Nachbarlandes unmittelbar berührt.

Am 6. Oktober 2023, keine zwei Wochen nach dem vorangegangenen Angriff, musste der Betrieb der Fähre Orliwka nach einem nächtlichen Drohnenschlag auf Hafen- und Grenzinfrastruktur erneut vorübergehend ausgesetzt werden. Nach Angaben des Staatlichen Grenzschutzdienstes der Ukraine wurden dabei keine Personen verletzt, doch die Verkehrsströme wurden wiederum auf andere Grenzübergänge umgeleitet, unter anderem über Reni.

Am 2. Oktober 2024 wurde Orliwka erneut getroffen. Ein Drohnenangriff auf Hafen- und Grenzinfrastruktur im Rajon Ismajil beschädigte den Grenzübergang; zwei Fahrer, darunter ein türkischer Staatsangehöriger, wurden verletzt. Die Abfertigung wurde vorübergehend ausgesetzt, während Maßnahmen zur Stabilisierung des Betriebs getroffen wurden.

Am 22. November 2025 griffen russische Kampfdrohnen den Fährkomplex Orliwka erneut an. Der Staatliche Zolldienst meldete Schäden an der Infrastruktur der Anlage, weshalb der internationale Grenzübergang bis zur Beseitigung der Folgen vorübergehend geschlossen wurde.

Diese Abfolge ist für die Bewertung der Ereignisse vom August und September 2026 wichtig, denn sie zeigt, dass der Angriff auf Orliwka am 1. September nicht der erste Schlag gegen diesen Verkehrsknoten war. Im Gegenteil: Bis dahin hatte sich bereits ein über mehrere Jahre reichendes Muster wiederholter Angriffe herausgebildet.

Zugleich weitete sich im August 2026 die Geografie der Schäden an der Grenzinfrastruktur aus.

Am 21. August 2026 wurde bei einem großangelegten russischen Angriff die Infrastruktur des Straßengrenzübergangs Tabaky–Myrne an der ukrainisch-moldauischen Grenze beschädigt. Der Übergang stellte den Betrieb vorübergehend ein, während die Schäden erfasst und erste Instandsetzungsmaßnahmen eingeleitet wurden. Am 22. August nahm er den Betrieb wieder auf, wobei provisorische Arbeitsplätze für Grenz- und Zollbeamte eingerichtet, Geräte installiert und eine Ersatzstromversorgung bereitgestellt werden mussten, um die Funktionsfähigkeit der Anlage wiederherzustellen.

Am 25. August 2026, vier Tage nach dem Angriff auf Tabaky–Myrne, wurde die Infrastruktur eines weiteren Straßengrenzübergangs an der ukrainisch-moldauischen Grenze beschädigt — Wynohradiwka–Vulcănești. Der Verkehr von Personen und Fahrzeugen wurde vorübergehend eingestellt und auf Ausweichrouten umgeleitet. Nach ersten Instandsetzungsarbeiten nahm der Übergang am 26. August den Betrieb wieder auf.

In der Nacht zum 1. September 2026 schließlich griffen Kampfdrohnen des Typs Shahed den internationalen Fährgrenzübergang Orliwka an der ukrainisch-rumänischen Grenze an. Nach Angaben des Staatlichen Grenzschutzdienstes der Ukraine trafen die Schläge das Gebäude und das Gelände des Grenzübergangs und lösten Brände aus, die von den Rettungsdiensten später unter Kontrolle gebracht wurden. Der Fährbetrieb wurde eingestellt, die Verkehrsströme auf andere Grenzübergänge umgeleitet.

Innerhalb von nur zwölf Tagen — vom 21. August bis zum 1. September 2026 — erlitten damit drei verschiedene internationale Grenzübergänge an zwei Staatsgrenzen der Ukraine unmittelbare Schäden: Tabaky–Myrne, Wynohradiwka–Vulcănești und Orliwka–Isaccea. Die letztgenannte Anlage war auch 2023 bis 2025 wiederholt Ziel von Angriffen.

Die dargestellte Chronologie reicht für sich genommen nicht aus, um eine umfassende rechtliche Schlussfolgerung über das Bestehen eines einheitlichen Operationsplans für alle betroffenen Anlagen zu ziehen. Aus Sicht der strategischen Analyse gibt sie jedoch Anlass, die Widerstandsfähigkeit der Grenz- und Verkehrsinfrastruktur der Südwestukraine als eigenständige Frage der nationalen Sicherheit zu behandeln.

Warum Orliwka von besonderer strategischer Bedeutung ist

Die Fährverbindung Orliwka–Isaccea reicht in ihrer Bedeutung weit über den örtlichen Personenverkehr hinaus. Die vertraglichen und rechtlichen Voraussetzungen für ihre Einrichtung wurden von der Ukraine und Rumänien bereits 2014/2015 geschaffen; die ukrainische Regierung sah in der Eröffnung des Übergangs ein Instrument zur Entwicklung der Verkehrs- und Logistikinfrastruktur im Süden des Gebiets Odesa, zur Gewinnung zusätzlicher Güterströme und zur Vertiefung der ukrainisch-rumänischen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen.

Die Fähre nahm den tatsächlichen Betrieb 2020 auf. Der Abstand zwischen den beiden Ufern bei Orliwka und Isaccea beträgt rund 900 Meter; die geplante Kapazität des Komplexes wurde zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme auf bis zu 500 Fahrzeuge je Richtung und Tag geschätzt, einschließlich Güterverkehr.

Die strategische Bedeutung dieser Route ergibt sich vor allem daraus, dass sie dem ukrainischen Donauraum unmittelbaren Zugang nach Rumänien verschafft, ohne den herkömmlichen Transit durch die Republik Moldau über Reni–Giurgiulești–Galați. Orliwka ist damit nicht bloß ein Grenzübergang, sondern ein Element der Diversifizierung des gesamten Verkehrssystems im Süden des Gebiets Odesa.

Bedeutsam ist auch, dass heutige nationale Dokumente der Verkehrsplanung die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Fährverbindung Orliwka–Isaccea als eigenen Entwicklungsbereich ausweisen, einschließlich der Erweiterung des Rechtsrahmens für ihren Betrieb.

Deshalb hat das zeitweilige Ausfallen dieser Anlage weiterreichende Folgen: Verkehre, die sonst den kürzesten Weg nach Rumänien nähmen, müssen auf andere Übergänge umgeleitet werden, die Belastung des Straßennetzes und der benachbarten Grenzübergänge steigt, und das gesamte Logistiksystem verliert einen Teil seiner Reservekapazität.

Von einzelnen Angriffen zum Netzwerkrisiko

Bei der Bewertung der wirtschaftlichen Folgen ist der Netzwerkcharakter moderner Logistik zu berücksichtigen. Hafeninfrastruktur arbeitet nicht unabhängig von Eisenbahnen, Straßenrouten, Lagerflächen, Grenzübergängen, Zollverfahren und der Schifffahrtsinfrastruktur der Nachbarstaaten. Der Ausfall eines Netzelements lässt sich daher verhältnismäßig rasch ausgleichen, doch das gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Auftreten mehrerer Engpässe erzeugt einen kumulativen Effekt.

An der unteren Donau ist dieses Problem besonders komplex, weil ein erheblicher Teil der Logistikkette grenzüberschreitend verläuft. Ukrainische Güterströme hängen von der Leistungsfähigkeit des Sulina-Kanals ab, von der Verfügbarkeit von Lotsen, vom Betrieb rumänischer Häfen und Eisenbahnen, vom moldauischen Verkehrssystem, von Grenzverfahren, Straßenübergängen und der Verfügbarkeit geeigneter Schiffe.

Angriffe auf Hafenterminals, Lager oder Grenzübergänge können daher Folgen haben, die weit über den physischen Schaden an einer bestimmten Anlage hinausreichen. Zusatzkosten entstehen durch die Umleitung von Ladungen, längere Lieferzeiten, Wartezeiten von Fahrzeugen und Schiffen, höhere Versicherungsprämien, den Aufbau von Reservekapazitäten und die geringere Planbarkeit logistischer Abläufe.

Für eine Volkswirtschaft mit hohem Anteil an Massengütern im Export — Getreide, Hüttenerzeugnisse, Erze und andere Waren mit vergleichsweise geringem Wert je Gewichtseinheit — hat der Transportanteil besonderes Gewicht. Höhere Logistikkosten wirken sich in solchen Fällen unmittelbar auf die Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Ausfuhren aus.

Strategische Resilienz sollte daher nicht als Frage formuliert werden, wie schnell ein bestimmter Grenzübergang nach einem bestimmten Schlag instand gesetzt werden kann. Die zentrale Frage lautet vielmehr, ob das gesamte System weiter funktionsfähig bleibt, wenn mehrere Schlüsselrouten gleichzeitig eingeschränkt sind.

Die Notwendigkeit, von der Wiederherstellung zur Redundanz überzugehen

Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat die hohe Fähigkeit ukrainischer Dienste gezeigt, beschädigte Grenzübergänge rasch wiederherzustellen. Tabaky–Myrne etwa nahm den Betrieb am Tag nach dem Angriff vom 21. August 2026 wieder auf, Wynohradiwka–Vulcănești am 26. August nach dem Schlag vom 25. August. Das belegt die Wirksamkeit der Notfallreaktion, löst aber das strukturelle Problem wiederholter Angriffe nicht.

Längerfristig sollte sich die Verkehrspolitik vom Modell „Schaden — Reparatur — Wiederherstellung“ lösen und zu einem Modell infrastruktureller Redundanz übergehen, bei dem kritische Funktionen rasch auf Ersatzanlagen verlagert werden können.

Das erfordert eine Erhöhung der Kapazität alternativer Grenzübergänge, den Aufbau von Reserve-Lager- und Umschlagkapazitäten, die Dezentralisierung kritischer Logistikinfrastruktur, die Vorbereitung im Voraus abgestimmter Umleitungsrouten für Ladungen und die Abstimmung dieser Pläne mit Rumänien und der Republik Moldau.

Ebenso wichtig ist die Koordination auf der Ebene der Verkehrsplanung. Die Erweiterung der Kapazität eines ukrainischen Grenzübergangs ist nur sinnvoll, wenn die Infrastruktur des Nachbarstaates das entsprechende Verkehrsaufkommen aufnehmen kann. Ebenso verlangt der Ausbau der Kapazität ukrainischer Donauhäfen die parallele Entwicklung rumänischer Wasserstraßen, Bahnzuläufe und Umschlagknoten.

Die Verkehrsresilienz an der unteren Donau ist damit ihrem Wesen nach bereits zu einer internationalen Aufgabe für die Ukraine geworden.

Ein neues Modell regionaler Koordination

Gerade in diesem Zusammenhang gewinnt die historische Erfahrung der Europäischen Donaukommission gegenwärtige Bedeutung. Es geht nicht um die Wiederherstellung völkerrechtlicher Modelle des 19. Jahrhunderts, sondern um die Anwendung des Prinzips funktionaler Integration, nach dem Staaten gemeinsame Mechanismen für Probleme schaffen, die sich ausschließlich auf nationaler Ebene nicht wirksam lösen lassen.

Die Ukraine könnte eine Erörterung über den Ausbau oder die Schaffung spezialisierter Koordinierungsmechanismen im Gebiet der unteren Donau anstoßen, unter Beteiligung Rumäniens, der Republik Moldau, Bulgariens, weiterer interessierter Staaten, der Europäischen Kommission und einschlägiger internationaler Organisationen.

Eine solche Zusammenarbeit könnte die Steuerung der Schifffahrtsströme, die Abstimmung der Hafenentwicklung, die gemeinsame Planung von Infrastrukturinvestitionen, die Digitalisierung von Verkehrs- und Zollverfahren, die Einrichtung von Ersatzrouten, die Sicherheit der Schifffahrt und den Aufbau eines Mechanismus zur raschen Reaktion auf Schäden an kritischer Infrastruktur umfassen.

Ein eigenes Element sollte ein mehrjähriges Finanzinstrument für die Entwicklung der unteren Donau sein. Historisch war die finanzielle Handlungsfähigkeit einer der Faktoren, die die Wirksamkeit der Europäischen Donaukommission trugen; auch die heutige Praxis zeigt, dass eine Einrichtung ohne eigene oder zugesicherte Mittel in der Regel ein Koordinierungs- und kein Vollzugsmechanismus bleibt.

Zugleich würde ein solches Modell nicht zwingend eine radikale Beschränkung nationaler Souveränität erfordern. Die heutige europäische Integration bietet zahlreiche Beispiele für die gemeinsame Verwaltung einzelner Sektoren und Infrastruktursysteme, bei der die Staaten den wesentlichen Umfang ihrer souveränen Zuständigkeiten behalten.

Die Donau als praktische Dimension der europäischen Integration der Ukraine

Die Beitrittsverhandlungen der Ukraine mit der Europäischen Union konzentrieren sich verständlicherweise auf Rechtsangleichung, institutionelle Reformen und die Erfüllung der Beitrittskriterien. Integration hat jedoch auch eine materielle, infrastrukturelle Dimension.

Funktionale Integration beginnt dort, wo ukrainische Verkehrsrouten physisch Teil europäischer Netze werden, Zoll- und Digitalverfahren synchronisiert sind und die Infrastrukturentwicklung beiderseits der Grenze als zusammenhängender Prozess geplant wird.

Die untere Donau ist eine der Regionen, in denen sich dieser Ansatz schon heute umsetzen lässt. Die ukrainischen Donauhäfen, der rumänische Hafen Constanța, der Sulina-Kanal, die Verkehrsknoten Galați und Brăila, die moldauischen Routen über Giurgiulești sowie die Eisenbahn- und Straßengrenzübergänge lassen sich nicht als Konkurrenten oder isolierte Teile nationaler Infrastruktur verstehen, sondern als Bestandteile eines größeren Systems.

Die Schaffung eines solchen Raums würde zugleich mehreren strategischen Zielen dienen: der Stärkung der Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Wirtschaft, der Diversifizierung der Verkehrsrouten, der Verringerung der Abhängigkeit von einzelnen Häfen und Kanälen, der Einwerbung europäischer Finanzierung und der praktischen Einbindung der Ukraine in das Verkehrssystem der EU.

Schlussfolgerungen

Die Chronologie der Angriffe auf Grenz- und Hafeninfrastruktur im Gebiet der unteren Donau in den Jahren 2023 bis 2026 zeigt das Entstehen eines langfristigen Sicherheitsrisikos für die südwestlichen Verkehrsverbindungen der Ukraine. Besonders aufschlussreich sind die wiederholten Angriffe auf die Fährverbindung Orliwka–Isaccea in den Jahren 2023, 2024, 2025 und 2026 sowie die geografische Ausweitung der im August 2026 unmittelbar beschädigten Grenzübergänge entlang der ukrainisch-moldauischen Grenze.

Diese Umstände erfordern den Übergang von einer vorwiegend operativen Reaktion auf einzelne Schadensfälle hin zu einer umfassenden Resilienzplanung für das Verkehrssystem insgesamt. Eine solche Planung sollte Routen- und Kapazitätsredundanz, die Diversifizierung der Infrastruktur, gemeinsame Krisenreaktionsszenarien mit Rumänien und der Republik Moldau sowie den Aufbau eines langfristigen internationalen Mechanismus zur Entwicklung der unteren Donau umfassen.